Ich setze mich bekanntermassen sehr für IT-Sicherheit und Privatsphäre ein. Und genau deshalb finde ich die E-ID in ihrer jetzt geplanten Form eine ganz wichtige Zutat. Hier meine Gründe für ein Ja am 28. September. Zusammen mit Hintergründen, die Einblick in die E-ID und ihre Geschichte und Funktionsweise geben.
Ich bin für eine e-ID, weil wir gerade in der Zeit von zunehmender Cyberkriminalität, Phishing, Deepfakes und anderen KI-unterstützten Angriffen eine sichere Möglichkeit zum Aufbau einer (technischen) Vertrauensbeziehung benötigen.
Detailliertere Informationen
Dies hier ist nur eine kurze Zusammenfassung folgender Texte. Für tiefergehende Informationen empfehle ich diese.
- Marcel Waldvogel: E-ID explained, Teil 1: Wieso und wie?, DNIP, 2025-08-27.
- Marcel Waldvogel: E-ID explained, Teil 2: Wie funktioniert sie?, DNIP, 2025-08-28.
- Demnächst erscheint noch Teil 3 über die gesellschaftlichen Auswirkungen. Diese kommen in einen separaten Artikel.
Wieso eine elektronische Identität?
Wir zeigen bei verschiedenen Gelegenheiten Ausweisdokumente:
- Einen Führerausweis bei Automiete oder wenn ein Polizist uns beim Schlangenlinienfahren ertappt.
- Einen SwissPass, wenn wir im Zug sitzen und zum halben Preis fahren wollen.
- Eine Studierendenlegi, wenn es für gewisse Produkte und Dienstleistungen entsprechende Rabatte gibt.
- Eine Identitätskarte oder Pass beim Grenzübertritt (wenn auch kaum mehr in Europa); beim Eröffnen eines Bankkontos; bei Behördengängen; beim Check-in am Hotel oder Flughafen; beim Einkauf von Alkohol und Tabak, wenn wir jung aussehen; beim Betreten von Clubs; beim Notar wegen Hauskauf oder Firmengründung; beim Abschluss bestimmter Verträge; …
- Uvam.
Konzentrieren wir uns vorerst auf ID und Pass.
Auch da haben wir schon eine lange Liste. Und während wir beim Grenzübertritt oder beim Betreten des Clubs zwangsweise vor Ort sind, initiieren wir viele andere Vorgänge inzwischen auch online. Zum Bestellen von Leumundszeugnis und Betreibungsregisterauszug bei Wohnungs- oder Stellensuche wollen die wenigsten sich ein paar Stunden Zeit nehmen, um zur entsprechenden Behörde zu gehen; ganz besonders nicht Personen, die nicht am Wohnort oder in der Kantonshauptstadt arbeiten.
ID-Kopie als Option?
Auch wenn vielleicht einige Ämter mit dem Faxen einer ID-Kopie glücklich sind, das ist keine zukunftsfähige Lösung (und war es wahrscheinlich auch noch nie).
Doch die elektronische Übermittlung einer ID-Kopie kommt mit gravierenden Nachteilen, sowohl für die Person, die den Ausweis vorzeigt, als auch für die überprüfende Stelle:
1. Anonymität
Wenn eine jung aussehende Person am Laden um die Ecke eine Flasche Bier kaufe, wird die Kassierin wohl die ID sehen wollen. An die meisten dieser IDs wird sie sich ein paar Stunden oder Tage später nicht mehr erinnern; und sicher nicht an die Details.
Das gibt also eine gewisse Anonymität. Diese Anonymität fällt aber weg, wenn ich eine ID-Kopie via Fax oder Mail oder App an einen Datenverarbeiter schicke. Dieser kann, will oder muss diese Kopie längere Zeit aufbewahren und kann sie speichern und auswerten.
2. Zuverlässigkeit
Ein zweites Problem mit ID-Kopien existiert für die kontrollierende Stelle: Wenn das Betreibungsamt meine ID-Kopie gefaxt (oder gemailt) erhält, woher weiss die Betreibungsbeamtin, dass auch wirklich ich meine ID gesendet habe? Und nicht einer der Dutzende anderer Dienste, welche von mir in den letzten Jahren alle schon eine ID-Kopie bekommen haben? Oder stammt sie von einer kriminellen Organisation, welche mich mit einem Phishing-Angriff übertölpelt hat und daher eine ID-Kopie von mir hat?
Bei all‘ diesen Verfahren ist eine direkte Zuordnung vom Ausweisdokument zur präsentierenden Person nicht möglich und Identitätsdiebstahl würde noch einfacher und detaillierter möglich.
Natürlich gibt es Ansätze, bei denen man beim Übermitteln der ID-Kopie noch ein kleines Video von sich drehen muss. Besonders bei Online-Banken und -Kreditkartenunternehmen ist das sehr beliebt. Doch auch diese Verfahren lassen sich austricksen, wie der Chaos Computer Club (CCC) vor ein paar Jahren an einem Beispiel gezeigt hat. Und mit Deepfakes dürfte das alles inzwischen noch viel einfacher und überzeugender geworden sein.

Das Vertrauensproblem
Das Problem sind die fehlenden Vertrauensbeziehungen im Handy-Video-Ansatz oben.
Erstens weiss die Nutzerin, was der Dienstleister mit ihren Bildern macht – und ob es überhaupt der gewünschte Dienstleister ist oder eine kriminelle Organisation, die gerade eine Phishing-Kampagne am Laufen hat und der man seine wertvollsten Identitätsdokumente auf dem Silbertablett überreicht.
Zweitens hat der Dienstleister keine Ahnung, ob die Person wirklich vor der Kamera sitzt oder nur ein Video eingespielt wird. Im CCC-Beispiel war das ein Video, bei dem Teile des Bildes ersetzt wurden, damit ID und Person zusammenpassten. Heute würde man möglicherweise (zusätzlich) zu Deepfakes greifen, also KI-generierten Fake-Videos.
Auch das Überprüfen der Sicherheitsmerkmale der Identitätskarte ist aus der Ferne kaum möglich: Kartenmaterial, Hologramm, Riffelungen und Mikrodrucke sind nicht oder kaum aus der Ferne zu identifizieren.
Die Idee hinter der E-ID ist es nun, diese Vertrauensbeziehung zu stärken und damit die beiden Probleme zu lösen.
Der Lösungsansatz
Wenn wir auf jedem Kommunikationsschritt eine Vertrauensbeziehung aufbauen können, sind die Probleme viel besser anzugehen. Dazu baue ich eine Vertrauensbeziehung zu meinem Telefon auf (Identifikation mit Fingerabdruck, Gesicht oder PIN) und der darin enthaltenen swiyu-Wallett-App auf. Diese wiederum bestätigt meine Identität gegenüber dem Online-Shop oder der Behörde.

Wie das genau funktioniert, habe ich in Teil 1 der DNIP-Serie auf abstraktem, motivierenden und in Teil 2 auf technischem Niveau beschrieben (aber auch das sollte gut und einfach verständlich sein).
Im technischen Teil erkläre ich beispielsweise, wie umgesetzt wird, dass ich nur einzelne Felder (Attribute) meiner E-ID vorzeigen kann und doch klar ist, dass es eine offizielle E-ID ist, die sogenannte «Selective Disclosure». Daneben ist auch beschrieben, wie verhindert wird, dass zwei separate Händler erkennen können, dass ich dieselbe Person bin («technische Identitäten» und «Batch Issuance»). Auch wenn die Fachwörter jetzt bedrohlich klingen, der Artikel ist es hoffentlich nicht.
Weiterführende Literatur
Zur E-ID 1.0 (vor 4−8 Jahren)
- Année Politique Suisse: Bundesgesetz über elektronische Identifizierungsdienste (E-ID-Gesetz; BRG 18.049).
Medienspiegel aus der ersten E-ID-Abstimmung. - Digitale Gesellschaft: Elektronische Identifikation (E-ID).
Ein Dossier mit der Entwicklung des E-ID-Gesetzes zwischen 2017 und heute.
Zur E-ID 2.0 (jetzt)
- Bundesrat: Volksabstimmungen vom 28. September 2025: E-ID-Gesetz, 2025-08-11.
Die Informationen zur Abstimmung aus dem Abstimmungsbüchlein. - Reto Vogt: Bund speichert biometrische Daten zur e-ID bis zu 15 Jahre, DNIP, 2025-01-15.
Blick hinter die Kulissen der Abläufe. - DNIP Briefing #20: ID auf Knopfdruck, DNIP, 2025-04-08.
Das Problem der Fälschung von Plastik-IDs für die Identifikation per Handy. - Adrienne Fichter: Wie wirkt sich die EU-Digitalpolitik auf die Schweiz aus? Ein paar ausgewählte Baustellen, DNIP, 2025-03-20.
Elektronische Identitäten sind auch international nützlich. - Patrick Seemann: Was erwartet uns 2025: das Wichtigste zu Chatkontrolle, e-wasauchimmer und Cybersecurity, DNIP, 2025-02-10.
Jahresanfangsprognosen zur E-ID. - Reto Vogt: Vogt am Freitag: Zwischentöne, DNIP, 2025-05-09.
Wieso man gegen e-Voting und Überwachung sein kann und trotzdem für eine E-ID. - Reto Vogt: Vogt am Freitag: Gespenster, DNIP, 2025-08-15.
Ein Faktencheck der Argumente der E-ID-Gegner:innen. - Zeidgenosse (Pseudonym): E-ID-Gesetz | Volksabstimmung, 28. September 2025, 2025-08-11.
Youtube-Video mit Betrachtung der Argumente der Befürworter und Gegner.
Zu Identifikationspflichten
- Adrienne Fichter: Die Schweiz führt eines der internetfeindlichsten Gesetze Europas ein – und niemanden interessierts, DNIP, 2023-01-05.
Kritik am Jugendschutzgesetz und der mangelnden Internet-Kompatibilität. - Patrick Seemann und Marcel Waldvogel: Jugendschutzgesetz in den Medien, ein kleiner Faktencheck, DNIP, 2023-01-16.
Analyse des Gesetzes und seiner Abhängigkeiten; Aufzeigen der de-facto-Ausweispflicht. - Patrick Seemann: Verordnung zum Jugendschutzgesetz- Ausweispflicht? Ausweispflicht!, DNIP, 2023-06-21.
Laut gültigem Gesetz wird eine Alterskontrolle zum Jugendschutz nötig sein. Wir können aber noch mitbestimmen, wie viel wir preisgeben wollen. - DNIP Briefing #37: Türsteher, DNIP, 2025-08-12.
Die Probleme bei der Einführung von Jugendschutzgesetzen und Alterskontrollen im Internet, wenn keine E-ID verfügbar ist. - Patrick Seemann: Ganz anonym im Internet war gestern …, DNIP, 2025-07-31.
Überblick über den Stand von Jugendschutzgesetzen in der Schweiz und den erweiterten Nachbarländern.
Zu Identifikationsproblemen
- Erdgeist (Pseudonym): Chaos Computer Club hackt Video-Ident, CCC, 2022-08-10.
Die fehlerfreie technische Umsetzung von Video-Identifikation am Handy ist alles andere als einfach. - Marcel Waldvogel: Elektronischer Impfnachweis: Heureka! Heureka?, DNIP, 2021-03-12.
Wieso Identifikation nicht einfach ist. Und ein paar Lösungsansätze. - Cory Doctorow: „Privacy preserving age verification“ is bullshit, Pluralistic, 2025-08-14.
Kritik an der Altersverifikation im Allgemeinen, der Altersverifikation über Gesichtserkennung und Verhaltensanalyse im Besonderen; sowie das Aufzeigen, dass Altersverifikation als Selbstzweck nicht funktioniert in einem Land, das es nicht einmal schafft, eine nationale Identitätskarte herauszugeben. - Steven M. Bellovin: Privacy-Preserving Age Verification—and Its Limitations (PDF), datiert auf 2025-10 (das Datum des Workshops, an dem es präsentiert werden soll).
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