Ja zur E-ID

Eine ID-Karte, auf der steht: "Wollen Sie Folgendes an Wikipedia senden: Name, Wohnort, Geburtsdatum, Alter ≥18 Jahre?" Angekreuzt ist nur der Altersnachweis, bei den anderen steht "nicht gesendet". Diese physische Nachahmung einer E-ID wird einem bernsteinfarbenen Computermonitor gezeigt, auf dem steht: "Sind Sie volljährig? Jan/Nein"

Ich setze mich bekanntermassen sehr für IT-Sicherheit und Privatsphäre ein. Und genau deshalb finde ich die E-ID in ihrer jetzt geplanten Form eine ganz wichtige Zutat. Hier meine Gründe für ein Ja am 28. September. Zusammen mit Hintergründen, die Einblick in die E-ID und ihre Geschichte und Funktionsweise geben.

Ich bin für eine e-ID, weil wir gerade in der Zeit von zunehmender Cyberkriminalität, Phishing, Deepfakes und anderen KI-unterstützten Angriffen eine sichere Möglichkeit zum Aufbau einer (technischen) Vertrauensbeziehung benötigen.

Wieso eine elektronische Identität?

Wir zeigen bei verschiedenen Gelegenheiten Ausweisdokumente:

  • Einen Führerausweis bei Automiete oder wenn ein Polizist uns beim Schlangenlinienfahren ertappt.
  • Einen SwissPass, wenn wir im Zug sitzen und zum halben Preis fahren wollen.
  • Eine Studierendenlegi, wenn es für gewisse Produkte und Dienstleistungen entsprechende Rabatte gibt.
  • Eine Identitätskarte oder Pass beim Grenzübertritt (wenn auch kaum mehr in Europa); beim Eröffnen eines Bankkontos; bei Behördengängen; beim Check-in am Hotel oder Flughafen; beim Einkauf von Alkohol und Tabak, wenn wir jung aussehen; beim Betreten von Clubs; beim Notar wegen Hauskauf oder Firmengründung; beim Abschluss bestimmter Verträge; …
  • Uvam.

Konzentrieren wir uns vorerst auf ID und Pass.

Auch da haben wir schon eine lange Liste. Und während wir beim Grenzübertritt oder beim Betreten des Clubs zwangsweise vor Ort sind, initiieren wir viele andere Vorgänge inzwischen auch online. Zum Bestellen von Leumundszeugnis und Betreibungsregisterauszug bei Wohnungs- oder Stellensuche wollen die wenigsten sich ein paar Stunden Zeit nehmen, um zur entsprechenden Behörde zu gehen; ganz besonders nicht Personen, die nicht am Wohnort oder in der Kantonshauptstadt arbeiten.

ID-Kopie als Option?

Auch wenn vielleicht einige Ämter mit dem Faxen einer ID-Kopie glücklich sind, das ist keine zukunftsfähige Lösung (und war es wahrscheinlich auch noch nie).

Doch die elektronische Übermittlung einer ID-Kopie kommt mit gravierenden Nachteilen, sowohl für die Person, die den Ausweis vorzeigt, als auch für die überprüfende Stelle:

1. Anonymität

Wenn eine jung aussehende Person am Laden um die Ecke eine Flasche Bier kaufe, wird die Kassierin wohl die ID sehen wollen. An die meisten dieser IDs wird sie sich ein paar Stunden oder Tage später nicht mehr erinnern; und sicher nicht an die Details.

Das gibt also eine gewisse Anonymität. Diese Anonymität fällt aber weg, wenn ich eine ID-Kopie via Fax oder Mail oder App an einen Datenverarbeiter schicke. Dieser kann, will oder muss diese Kopie längere Zeit aufbewahren und kann sie speichern und auswerten.

2. Zuverlässigkeit

Ein zweites Problem mit ID-Kopien existiert für die kontrollierende Stelle: Wenn das Betreibungsamt meine ID-Kopie gefaxt (oder gemailt) erhält, woher weiss die Betreibungsbeamtin, dass auch wirklich ich meine ID gesendet habe? Und nicht einer der Dutzende anderer Dienste, welche von mir in den letzten Jahren alle schon eine ID-Kopie bekommen haben? Oder stammt sie von einer kriminellen Organisation, welche mich mit einem Phishing-Angriff übertölpelt hat und daher eine ID-Kopie von mir hat?

Bei all‘ diesen Verfahren ist eine direkte Zuordnung vom Ausweisdokument zur präsentierenden Person nicht möglich und Identitätsdiebstahl würde noch einfacher und detaillierter möglich.

Natürlich gibt es Ansätze, bei denen man beim Übermitteln der ID-Kopie noch ein kleines Video von sich drehen muss. Besonders bei Online-Banken und -Kredit­karten­unter­nehmen ist das sehr beliebt. Doch auch diese Verfahren lassen sich austricksen, wie der Chaos Computer Club (CCC) vor ein paar Jahren an einem Beispiel gezeigt hat. Und mit Deepfakes dürfte das alles inzwischen noch viel einfacher und überzeugender geworden sein.

Mit einer Plastik-ID werden Bilder bzw. Videos von Person und ID über das Smartphone an die Server des Dienstleisters gesandt. Ob die beiden wirklich zusammengehören, bleibt ein Ratespiel für den Dienstleister.

Das Vertrauensproblem

Das Problem sind die fehlenden Vertrauensbeziehungen im Handy-Video-Ansatz oben.

Erstens weiss die Nutzerin, was der Dienstleister mit ihren Bildern macht – und ob es überhaupt der gewünschte Dienstleister ist oder eine kriminelle Organisation, die gerade eine Phishing-Kampagne am Laufen hat und der man seine wertvollsten Identitätsdokumente auf dem Silbertablett überreicht.

Zweitens hat der Dienstleister keine Ahnung, ob die Person wirklich vor der Kamera sitzt oder nur ein Video eingespielt wird. Im CCC-Beispiel war das ein Video, bei dem Teile des Bildes ersetzt wurden, damit ID und Person zusammenpassten. Heute würde man möglicherweise (zusätzlich) zu Deepfakes greifen, also KI-generierten Fake-Videos.

Auch das Überprüfen der Sicherheitsmerkmale der Identitätskarte ist aus der Ferne kaum möglich: Kartenmaterial, Hologramm, Riffelungen und Mikrodrucke sind nicht oder kaum aus der Ferne zu identifizieren.

Die Idee hinter der E-ID ist es nun, diese Vertrauensbeziehung zu stärken und damit die beiden Probleme zu lösen.

Der Lösungsansatz

Wenn wir auf jedem Kommunikationsschritt eine Vertrauensbeziehung aufbauen können, sind die Probleme viel besser anzugehen. Dazu baue ich eine Vertrauensbeziehung zu meinem Telefon auf (Identifikation mit Fingerabdruck, Gesicht oder PIN) und der darin enthaltenen swiyu-Wallett-App auf. Diese wiederum bestätigt meine Identität gegenüber dem Online-Shop oder der Behörde.

Mit der E-ID wählt die Person ein oder mehrere Smartphones aus, auf denen sie die elektronische ID gespeichert haben möchten. Wenn es dann um die Verifizierung geht, beweist die Person ihre Identität gegenüber ihrem eigenen Smartphone (PIN, Fingerabdruck, Gesichtserkennung, was auch immer) bzw. der darauf laufenden E-ID-App. Diese App beweist die Identität bzw. Teile davon gegenüber dem Server des Dienstleisters.

Wie das genau funktioniert, habe ich in Teil 1 der DNIP-Serie auf abstraktem, motivierenden und in Teil 2 auf technischem Niveau beschrieben (aber auch das sollte gut und einfach verständlich sein).

Im technischen Teil erkläre ich beispielsweise, wie umgesetzt wird, dass ich nur einzelne Felder (Attribute) meiner E-ID vorzeigen kann und doch klar ist, dass es eine offizielle E-ID ist, die sogenannte «Selective Disclosure». Daneben ist auch beschrieben, wie verhindert wird, dass zwei separate Händler erkennen können, dass ich dieselbe Person bin («technische Identitäten» und «Batch Issuance»). Auch wenn die Fachwörter jetzt bedrohlich klingen, der Artikel ist es hoffentlich nicht.

Weiterführende Literatur

Zur E-ID 1.0 (vor 4−8 Jahren)

Zur E-ID 2.0 (jetzt)

Zu Identifikationspflichten

Zu Identifikationsproblemen


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Marcel Waldvogel
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