Weg vom Internet der (unsicheren) Dinge

Immer mehr Dinge des Alltags sind mit dem Internet verbunden und dementsprechend auch darüber steuerbar: Das Internet der Dinge ist überall. Unser Leben wird immer mehr geprägt von Aquariums- und Beleuchtungssteuerungen über elektronische Haustüren, Pflanzenfühler und -bewässerer, Spülmaschinen oder Thermostate bis hin zu Zoom-Überwachungskameras. Damit unser Leben aber nicht durch diese Geräte bestimmt wird, müssen wir sicher sein, dass sie nicht nur uns gehören, sondern auch gehorchen. Das ist nicht immer einfach.

Wenn diese Geräte mit dem Internet verbunden sind, sind sie häufig nicht ausreichend geschützt. So sind

um nur einige wenige Beispiele zu nennen, wie leicht ungenügende Sicherheit der Geräte zu Problemen oder Katastrophen führen können. Aber einige Funktionen sind auch Absicht: Fernseher petzen den Sendern, was wir wann schauen oder hören gar mit, Lautsprecher zeichnen unsere Wohnzimmergespräche auf und Vibratoren melden dem Hersteller, wann und wo Sie sich wie intensiv beglücken.

Trotzdem werden immer mehr Geräte mit vernetzten Funktionen ausgestattet. Häufig kostet die Zusatzfunktion nur wenige Rappen, schindet aber Eindruck. Der Hersteller will Ihnen schliesslich nicht nur die Version 1.0, sondern wenige Monate später auch die Version 1.1 und gleich darauf die 2.0 verkaufen: Dieselbe Wirkung wie geplante Obsoleszenz, aber viel edler und eleganter.

Überlegungen vor dem Kauf

Wenn Sie sich ein vernetztes Dingsda kaufen wollen, sollten Sie — schon bevor Sie sich über Produktfeatures und Herstellerauswahl Gedanken manchen — folgendes überlegen:

  1. Brauche ich das Gerät wirklich oder erfüllt es nur denselben Zweck, wie ein anderes Gerät, das ich schon habe (bzw. mir einfach ausleihen kann), sieht aber einfach besser aus? Ist gar der Hauptzweck des Gerätes nur anzugeben, cool zu scheinen oder dazu gehören zu wollen?
  2. Brauche ich die vernetzten Funktionen wirklich? Auch wenn das bedeutet, dass ein Bösewicht das Gerät möglicherweise vollständig fernsteuern kann? Stellen Sie sich dabei das Schlimmste vor und gehen Sie davon aus, dass der Bösewicht noch einmal um Einiges einfallsreicher ist als Sie. Sind die Zusatzfunktionen den Aufpreis und das erhöhte Risiko wert?
  3. Falls die vernetzte Funktion jemals aussteigt (der Hersteller stellt seinen Clouddienst ein) oder deaktiviert werden muss (Sicherheitsbedenken): Kann ich das Gerät dann noch weiter nutzen?

Die Produktauswahl

So, jetzt haben Sie sich entschieden, ein neumodisches Dingsda zu kaufen. Welcher Hersteller und welches Produkt darf es denn sein?

  • Hat der Hersteller langjährige Erfahrung mit Softwareentwicklung, -pflege und IT-Sicherheit? Wenn nicht, sollten Sie die Finger davon lassen.

Ok, damit ist ihr Einkauf schon gescheitert, das hat die Anzahl möglicher Firmen wohl auf Null schrumpfen lassen. Aber genau dies zeigt, wie schwierig dieses Geschäft ist. Der Hersteller hat jahrzehntelang gezeigt, dass er komplizierte, einbruchssichere Türschlösser aus gehärtetem Spezialstahl herstellen kann? Grossartige Leistung, gratuliere! Aber wieso genau befähigt diese Erfahrung in Sicherheitsstahlt den Hersteller bei IT-Sicherheit? Kann er damit automatisch Millionen von Webservern sicher im Internet betreiben, einen in jedem verkauften Produkt, auch bei Ihnen daheim oder in der Firma? Nein, nicht automatisch. Aber vielleicht hat er sich die Expertise ja zugekauft. Das können Sie mit folgenden Fragen feststellen:

  • Sind die Geräte von Anfang an sicher konfiguriert? Wird für die Konfiguration ein einmaliges, nicht erratbares Administratorkennwort genutzt?
  • Können Sie das Passwort ändern? Können Sie es zurücksetzen, falls Sie es vergessen haben? Wie wird ein Unbefugter daran gehindert?
  • Kann sich jeder ohne Anmeldung mit dem Gerät verbinden? (Bei Bluetooth-Lautsprechern kann das OK sein, bei den meisten anderen Geräten nicht.)
  • Sind die Verbindungen zum Gerät verschlüsselt und vertrauenswürdig?
  • Wie lange wollen Sie das Gerät betreiben? Wird es dann den Hersteller noch geben?
  • Werden Sicherheitsupdates geliefert? Wie häufig? Wie lange? Wollen Sie das Gerät länger betreiben?
  • Müssen Sie die Sicherheitsupdates manuell installieren? Werden Sie das auch wirklich regelmässig tun? Bestehen Sie lieber auf automatische Updates!
  • Erfasst, speichert und übermittelt das Gerät auch nur Daten, so lange sie benötigt werden? Diese Datensparsamkeit zeugt vom bewussten Umgang mit Risiken.
  • Welche Daten erfährt der Hersteller und wie genau nutzt er diese? Informiert er Sie aktiv vor einer Nutzungsänderung? Können Sie dem widersprechen und das Gerät trotzdem wie bis anhin nutzen?
  • Bietet das Gerät nur wenige Funktionen an, die Sie nicht wirklich benötigen? Jede zusätzliche Funktion ist ein potenzielles Einfallstor.

Falls Sie die Geräte nicht nur als Privatperson einsetzen möchten, sondern als wichtige Komponente Ihrer Firma („Industrie 4.0“), sollten Sie noch folgende Fragen klären:

  • Nutzen das Entwicklungsteam definierte Prozesse für die Softwareentwicklung, Qualitätssicherung und Tests? Nutzen sie mindestens Werkzeuge wie Versionsverwaltung und Bugtracker? Was machen ihre Software-Zulieferer? Wie gewährleisten sie die Sicherheit?

Bei der Installation

  • Wählen Sie ein neues, sicheres Passwort. Speichern Sie es in Ihrem Passwortmanager (evt. integriert in den Webbrowser) und legen Sie es in Papierform bei Ihren wichtigen Dokumenten ab, so dass Sie es wiederfinden können.
  • Muss das Gerät wirklich Internetzugang haben? Oder reicht der Zugang innerhalb Ihres Heimnetzwerks? Oder sollte es meist ganz ohne Netz funktionieren? Richten Sie das Gerät und Ihren Heimrouter (Stichworte: Freigaben, Filter, Kindersicherung) entsprechend ein.

Nach dem Kauf

Stellen Sie sicher, dass sich der Hersteller auch nach dem Verkauf noch um Sie und Ihr Gerät kümmert.

  • Sie haben von einem Sicherheitsproblem gehört oder glauben, eines gefunden zu haben? Nehmen Sie sofort mit dem Hersteller Kontakt auf. Insbesondere in der Garantiezeit verlangen Sie schriftlich eine Lösung des Problems in angemessener Zeit (wenige Wochen).
  • Ist Ihnen durch in das Gerät eingedrungene Bösewichte Schaden entstanden? Reden Sie mit dem Juristen Ihres Vertrauens, ob eine Schadenersatzforderung Sinn macht.

Viel Spass mit Ihrem neuen Produkt, möge es Ihnen lange Freude bereiten!

 

Die Tipps in diesem Artikel basieren auf meinem englischen, inzwischen ein halbes Jahr veralteten, technischeren Artikel über DDoS-Schutz und IoT, der auch Aufgaben für Systemadministratoren, Provider und Forscher auflistet. In unserer Forschung versuchen wir, einfache Lösungen für einige dieser Probleme zu erarbeiten. Einige Resultate zu IT-Sicherheit im Allgemeinen oder zum Internet der Dinge im Speziellen sind online.

Weitere Informationen, z.B. auch zum Umgang nach einer Infektion bietet MELANI.

Bildquelle: Hackaday.io-Projekt „Plant Friends“ von dickson.

3 Gedanken zu „Weg vom Internet der (unsicheren) Dinge

  1. Pingback: DDoS: What we can do to prevent it | Netfuture

  2. Maya Lytras Antworten

    Danke! Überleg mir jetzt immer zweimal was ich wo und wie kaufe und auf was ich achten soll. Artikel perfekt. Deckt viele Fragen ab und doch nicht zu lang, so dass man mühelos ans Ende kommt. Die Gretchenfrage bleibt: wie viele überlegen sich überhaupt etwas vor einem Onlinekauf und wie erreiche ich diese?

    • Marcel Waldvogel Autor des BeitragesAntworten

      Danke!

      Bei einem Autokauf willst du auch nicht Hunderte von einzelnen Merkmalen auf ihre Qualität, Sicherheit und Wartungsfreundlichkeit überprüfen. Entsprechend gibt es Standards und die Überprüfung deren Einhaltung (proaktiv durch Strassenverkehrsamt, retroaktiv durch Gerichte) auf der einen Seite sowie neutrale Tests, Informationen und Vergleiche auf der anderen Seite (Konsumenten-/Automobilistenverbände).

      Dann muss der Kunde sich nur noch über wenige Kriterien Gedanken machen. Das muss sich im IT-Bereich noch mehr etablieren, nicht nur in den jungen Disziplinen wie IoT und Industrie 4.0.

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