5G: Mehr Antennen sind eigentlich gesünder

Die beiden vor wenigen Tagen verteilten anonymen Flugblätter (allgemein, spezifisch) mit Kritik zu 5G-Antennen ist extrem einseitig und teilweise falsch. Hier ein paar Beispiele:

  • Ja, die WHO stuft Mobilfunkstrahlung als „möglicherweise krebserregend“ ein. Das gilt aber auch für Kaffee und eingelegtes Gemüse. Speck, Cervelats oder Nachtarbeit gelten als noch viel gefährlicher.
  • Ja, es gibt Gegenden in China, wo von Hand bestäubt wird, aber nicht wegen 5G sondern als Folge von Umweltgiften.
  • Ja, einzelne Mäuse sind unter unrealistisch intensiver Bestrahlung an Krebs erkrankt. Gleichzeitig stieg dabei aber deren Lebenserwartung und Weibchen scheinen immun.
  • Elektromagnetische Wellen gibt es nicht nur bei 5G, sondern auch im Velodynamo oder Sonnenlicht.
  • Die Frequenz von Sonnenlicht ist 100’000 Mal höher als bei Mobilfunk. Wenn die Schädlichkeit wirklich so stark mit der Frequenz zunähme wie behauptet, müssten wir alle beim ersten Sonnenstrahl tot umfallen wie Dracula.
  • Wenn die Antennen dichter stehen, müssen sie und die Handys viel weniger stark senden.
  • Mit 5G kann dieselbe Datenmenge bei deutlich weniger Sendeleistung übermittelt werden.

Das bedeutet, dass das gleiche Datenvolumen mit zusätzliche 5G-Antennen deutlich weniger Strahlung verursacht und diese dem Sonnenlicht ähnlicher wird, was alles eigentlich nur gesünder sein kann.

Die Abbildung rechts zeigt das schön: Wenn die Distanz zwischen den Antennen nur halb so gross ist (grün ausgezogen), ist nur ein Viertel der Sendeleistung für die gleiche Empfangsqualität notwendig. Die roten Pfeile zeigen die starke Reduktion der Strahlung auf, welche durch zusätzliche Antennen und die damit mögliche Reduktion der Sendeleistung bei Antenne und Handy möglich ist.

Der allergrösste Teil der persönlichen Strahlenbelastung geht aber von unseren eigenen Geräten aus. Und das kann jeder selbst beeinflussen: weniger telefonieren oder Kopfhörer nutzen und sich zweimal überlegen, ob man unterwegs wirklich die neueste Folge seiner Lieblingsserie streamen muss.

Damit eine Antenne im Abstand von einem Kilometer die gleichen Auswirkungen auf Ihr Ohr hätte, wie ein altes GSM-Handy bei schlechter Mobilfunkabdeckung, müsste fast die gesamte weltweite(!) Elektrizitätsproduktion in diese einzelne Antenne gepumpt werden.

Zum Nachrechnen:

Damit ergibt sich: 2 W/(0.001 m)² = 2 TW/(1000 m)². Anders gesagt: 2 Watt Sendeleistung im Abstand von 1 mm entsprechen 2 Terawatt im Abstand von einem Kilometer. Das wären fast ⅔ (2 TW/2.9TW) der gesamten weltweiten Stromproduktion für diese eine Sendeantenne!

WHO-Klassifizierung „möglicherweise krebserregend“

Die WHO-Tochterorganisation IARC (International Agency for Research on Cancer) kennt fünf Stufen, nach denen sie Stoffe mit Krebs ursächlich in Verbindung bringt:

  • Gruppe 1: Krebserregend für den Menschen.
    Zu dieser Gruppe zählen neben Asbest und Tabak auch Speck, Cervelats und Chemineerauch.
  • Gruppe 2a: Wahrscheinlich krebserregend.
    In dieser Gruppe finden sich Glyphosat, das Abdichten von Dächern und Nachtarbeit.
  • Gruppe 2b: Möglicherweise krebserregend.
    Hier findet sich ⅓ der untersuchten Substanzen, darunter Mobilfunkstrahlung und Kaffee.
  • Gruppe 3: Eine Bewertung des Krebsrisikos ist nicht möglich.
    Es liegen nicht genügend aussagekräftige Daten vor. Rund ½ der untersuchten Substanzen befinden sich in dieser Kategorie.
  • Gruppe 4: Wahrscheinlich nicht krebserregend für den Menschen.
    Aktuell (August 2019) gibt es keine Substanzen in dieser Kategorie.

(Die deutschen Übersetzungen der WHO-Einstufungen stammen vom Deutschen Krebsforschungszentrum.)

Warum „möglicherweise“?

Die Kategorie „möglicherweise“ wird gerne falsch verstanden. In der deutschen Übersetzung des Fact Sheet 193 der WHO zu Mobilfunk steht:

In den letzten zwei Jahrzehnten wurde eine große Zahl von Studien zur Bewertung möglicher gesundheitlicher Wirkungen von Mobiltelefonen durchgeführt. Bis heute konnten keine negativen Gesundheitseffekte durch die Nutzung von Mobiltelefonen festgestellt werden.

WHO: Elektromagnetische Felder und öffentliche Gesundheit: Mobiltelefone (Fact Sheet 193, 2014).

[…] Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, das Verzerrungen und Fehler die Aussagekraft dieser Feststellungen beschränken und daher kein ursächlicher Zusammenhang abgeleitet werden kann.
Größtenteils auf diese Daten gestützt, hat die IARC hochfrequente Elektromagnetische Felder als möglicherweise krebserregend für Menschen eingestuft (Gruppe 2B), eine Klassifizierung, die benutzt wird wenn ein möglicher Zusammenhang glaubwürdig erscheint, aber Zufall, Bias oder Confounding nicht mit ausreichender Sicherheit ausgeschlossen werden können.

WHO: Elektromagnetische Felder und öffentliche Gesundheit: Mobiltelefone (Fact Sheet 193, 2014). (Orthographiefehler vom Original übernommen; Hervorhebungen sind von mir.)

Ähnlich sieht es bei einer neueren Studie aus. Dort wurden Ratten und Mäuse über Jahre hinweg am ganzen Körper einem Vielfachen der Strahlung ausgesetzt, die ein Handy direkt am Ohr nur lokal dort verursacht. Martin Röösli, Epidemiologe am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut in Basel, erläutert:

Doch die Fallzahlen seien trotz dem Umfang der Studie nicht gross, die Interpretation der Daten sei entsprechend sehr schwierig. «Wenn nun 3 von 100 bestrahlten Ratten einen Tumor entwickeln und in der Kontrollgruppe keine einzige, dann sieht das sofort nach sehr viel aus. Möglicherweise ist es aber nur ein Zufallsbefund», sagt Röösli. Man müsse sich auch fragen, warum die Effekte nur bei männlichen Ratten auftraten – und warum die bestrahlten Versuchstiere eine höhere Lebenserwartung aufwiesen als diejenigen der Kontrollgruppe, die keiner Strahlung ausgesetzt waren.

Martina Huber: Neue Studie zu Handystrahlung. Beobachter, 2018-09-27.

Mit anderen Worten: Dies bedeutet, dass einzelne Ratten unter dieser extremen Bestrahlung einen Tumor entwickelten. Wenn man ein paar dieser Hundertergruppen genommen hätte, und sie nicht bestrahlt hätte, hätte es auch zufälligerweise einige der unbestrahlten Gruppen geben können, in denen 3 von 100 Tieren krank geworden wären.

Die Studie beruft sich vor allem auf einige wenige Labortiere, deren Herzzellen an Krebs erkrankten. Diese wurden im Versuch über Jahre hinweg täglich mit dem Hunderttausend- bis Millionenfachen(!) der Strahlung belastet, die bei 9 Stunden Dauertelefonieren mit einem alten GSM-Handy bei schlechter Netzabdeckung entstehen würden.
Dies entspricht fast dem Trilliardenfachen dessen, was man in 1 km Abstand von einer modernen Antenne ausgesetzt ist.

Wenn die WHO von möglichem Zufall spricht, heisst das genau das: Es könnte auch sein, dass die paar wenigen Erkrankungen nur zufällig waren und keinen Zusammenhang mit der Studie hatten.

Wer hat nicht Geschichten über einen Kettenraucher gehört, dessen Lunge kerngesund ist? Oder über den penetranten Nichtraucher, der trotzdem an Lungenkrebs gestorben ist? Dies sind wahrscheinlich einige dieser Zufälle.

Korrelation ≠ Kausalität

Genau wegen diesen immer und überall möglichen Zufällen legt die Wissenschaft sehr hohen Wert darauf, Fehlschlüsse zu vermeiden. Nur weil Ereignis A und B kurz nacheinander eingetroffen sind, bedeutet noch lange nicht, dass A die Ursache für B war. Die schwarze Katze, die vor wenigen Minuten meinen Weg gekreuzt hat, ist kaum die Ursache dafür, dass mir wenige Minuten später ein Blumentopf auf den Kopf fällt.

Ein Beispiel aus Tyler Vygens Sammlung irrwitziger Korrelationen.

Tyler Vigen sammelt schon länger abstruse Beispiele, anhand derer er aufzeigt, dass nicht jeder (statistische) Zusammenhang auch ursächlich zusammenhängen muss. So „kann er aufzeigen“, dass es mit 99.79%-iger Sicherheit einen Zusammenhang zwischen den Ausgaben für Weltraumforschung und Selbstmorden durch Erhängen gäbe. Oder dass der Margarinekonsum sich „direkt“ auf die Scheidungsrate im US-Bundesstaat Maine auswirke.

Aussagekräftige Studien (oder eben nicht)

Doch woran erkennt man solche schlechten Studien? Ganz einfach ist es nicht, aber einige Punkte sollten Warnsignale aufleuchten lassen: Zwei der Hauptanzeichen für wahrscheinlich nicht aussagekräftige Studien sind wenige Testpersonen oder viele mögliche Resultate. Dann ist es gut möglich, dass die Resultate auch rein durch Zufall (und nicht aufgrund der zu untersuchenden Ursache) entstanden sind.

Dies haben ein Team von Journalisten und Wissenschaftlern 2015 wunderschön aufgezeigt: Sie haben absichtlich eine Studie so konstruiert, dass nur wenige Versuchspersonen daran teilnahmen und sie dann erst noch in verschiedene Teilgruppen unterteilt. Zusätzlich haben sie aber so viele mögliche Parameter erfasst, wie es nur geht. Einer davon würde sicher (zufälligerweise) anschlagen. Und danach könne man diese „wissenschaftliche“ Studie veröffentlichen.

Dies gelang auch: Viele Medien schwappten fast über vor Freude. Doch kurz darauf kam die Enthüllung und zusätzliche Hintergründe. Sehr eindrücklich zeigt das auch Randall Munroe in seinem englischen Comic auf (Erläuterungen hier).

Ausschnitt aus Randall Munroe: Significant (XKCD 882)

Schlussfolgerungen

Um das zu vermeiden, ist es in einigen Disziplinen inzwischen notwendig, dass man vor Beginn der Studie erläutert, wie man sie durchführen will und welche Resultate man wieso erwartet. Ich vermute, dass dies in Zukunft immer wichtiger werden wird.

In vielen wissenschaftlichen Studienrichtungen wird man inzwischen auch darauf vorbereitet, solche und viele andere Fehlschlüsse zu erkennen bzw. zu vermeiden. Auch das ist eine wichtige Kompetenz, mit dem diese und zukünftige Generationen zwischen glaubwürdig und unglaubwürdig unterscheiden lernen müssen.

Leider ist die Unterscheidung zwischen Gut und Böse nicht immer so einfach, wie wir sie uns wünschen. Aber alles so weit zu vereinfachen bis alle Fakten verdreht sind, hilft uns auch nicht weiter. Wir müssen uns damit abfinden, mit dieser einen, realen Welt zu leben, auch wenn sie sich manchmal nur schwer verstehen lässt. Leider.

Quellen und weiterführende Links

Bildquellen

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